Erläuterungen von Prof. Jean Boisselier (wörtliches Zitat aus seinem Buch Malerei in Thailand): |
Sammlungen mit Darstellungen der Tiere des HimalayaVier Sammlungen sind bekannt, in denen diese mythischen und mehr oder weniger phantastischen Tiere dargestellt sind. Drei gehören der Nationalbibliothek in Bangkok (zweimal 77 und einmal 73 Abbildungen), die vierte befindet sich in einer Privatsammlung (74 Abbildungen). Diese Handschriften sind nach ihrem Titel als «Bücher» (samut) definiert, die « Bilder verschiedener Tierfiguren, die für die Prozessionen anläßlich der königlichen Verbrennungen gebraucht werden», enthalten. Die Bilder der Tiere des Himalaya (Himaphan) wurden bei zwei Anlässen benötigt: bei den Zeremonien der Tonsur der Prinzen und beim Umzug anläßlich der königlichen Verbrennungen. Der indische Initiationsritus der Tonsur sollte die mythische Tonsur des Gottes Ganesha durch seinen Vater Shiva auf dem Berg Kailasa darstellen und enthielt zudem ein symbolisches Ritual, das sich auf die Macht des Weltenherrschers bezog. Die Anwesenheit der Tiere erinnerte an die gewohnten Bewohner der Berghänge, wie sie schon im 10.Jahrhundert in der Kunst Angkors zu sehen sind (Prasat Thom in Koh Ker und besonders Banteay Srei, 967 n.Chr.). Im zweiten Fall wurden die Tiere im Umzug mitgeführt, der die königliche Urne zum Scheiterhaufen geleitete, den man auf einem Katafalk nach dem Vorbild des Meru errichtete. Die Tiere trugen auf ihrem Rücken ein Kästchen für die Opfergaben des Königs. Da das Material für diese Prozession nur zu diesem Zweck hergestellt und nicht wieder benützt werden durfte, versteht man die Funktion von Büchern, in denen die Art, der Name und die Farbe jedes teilnehmenden Tiers festgehalten ist. Die älteste (?) Handschrift in Bangkok, datiert auf das Jahr 1834 n. Chr., ist mit schwarzer Tinte auf ungebleichtem Papier geschrieben; bei den anderen wurde weiße Tinte und schwarzes Papier benutzt. Gelbe Tinte weist das Exemplar aus der Privatsammlung auf. Auch hier ist die Ähnlichkeit der verschiedenen Sammlungen auffallend. Alle beginnen mit der Figur des Nashorns, welche das heilige Feuer trägt (als Reittier des Feuergotts Agni). Es folgen das Pferd, der Elefant, der Garuda usw., vor allem aber Bilder von Fabelwesen, bei denen gewöhnlich zwei verschiedene Tiere miteinander verbunden werden oder sich ein menschlicher, halbgöttlicher oder dämonischer Oberkörper mit dem Unterteil eines Tieres vereint, was an Faune und andere ziegenfüßige Wesen erinnert. Die Thailändischen Namen stammen mehr oder weniger aus der indischen Überlieferung (garuda, mayura, gajasiha, kinnari usw.), entsprechen aber nicht immer dem Lebewesen, das sie dort bezeichnen. Am Ende der Sammlung finden sich ähnlich phantastische, doch weniger zusammengesetzte Wesen, wie z.B. alle möglichen Arten von Löwen, die oft stark von der chinesischen Kunst beeinflußt sind und deren Namen gelegentlich ihre stilistische Herkunft verraten. Es kann hier nicht untersucht werden, in welchem Maß diese einzigartigen Tierbücher auf hinduistischen Traditionen beruhen oder wie weit sich die Zeremonien dem Buddhismus anpaßten. Man kann jedoch zumindest festhalten, daß anders als bei den Göttern der Tamra Thewarup die Drei Welten diese Tiere oft erwähnen. Wenn auch die Verwendung der Tiere des Himalaya unter Rama V. verboten wurde, so spielen sie doch bis in die heutige Zeit eine wichtige Rolle. Für die Wiederherstellung der nördlichen Terrasse des Wat Phra Keo im Jahre 1880, auf der sich der Prasat Phra Thepabidon (Brah Debapitara, «Gott-Vater»), der Mondop und der goldene Chedi befinden, ließ König Rama V. selbst vierzehn Statuen dieser «Tiere» nach Vorbildern aus der Zeit Ramas III. nachgießen und trug so dazu bei, die Erinnerungen an Figuren zu bewahren, die er soeben verdammt hatte. Darüber hinaus wurden die Abbildungen der alten Sammlungen wiederholt nachgedruckt, und auch die neuesten Zeichenbücher enthalten zahlreiche Illustrationen, die offensichtlich von Originalen aus der Zeit Ramas III. kopiert wurden. So kommt man zur überraschenden Schlußfolgerung, daß die Ikonographie eines Teils der Bewohner des Waldes von Himaphan sich genauer erhalten hat als jene der Götter und Helden. |
Zeitgenössische ZeichenhandbücherIm Jahre 1874 bestellte König Rama V. bei der königlichen Druckerei in Verbindung mit den ersten Restaurierungsarbeiten der Malereien des Wat Phra Keo den Druck einer ikonographischen Sammlung, des Thewapang; Zeitpunkt und Anlaß sind aufschlußreich für die Rolle solcher Werke. Die neueren Handbücher wie die «Sammlungen Thailändischer Zeichnungen» (Tamra Phaplai Thai) oder die «Muster Thailändischer Dekoration» (Bep Silapa Thai) folgen ähnlichen Zielen, zeigen jedoch eine neue pädagogische Zielsetzung. Im wesentlichen bewahren sie die alten Grundlagen. Die erste eher enzyklopädische Art betont mehr die Ikonographie als die zweite, die sich vor allem mit der Ornamentik befaßt. Beide bemühen sich gewissermaßen darum, die klassische Tradition wenigstens teilweise aufrechtzuerhalten, die zugleich oft mit mehr oder weniger viel Geschick dem herrschenden Geschmack angepaßt und durch die westliche Sehweise stark beeinflußt wird. Die neue Richtung wird besonders in der Darstellung der menschlichen Figur sichtbar. Um einen Kompromiß zwischen den beiden entgegengesetzten Sehweisen zu finden, greifen die Handbücher unmittelbar und zum erstenmal auf das Theater zurück, auf das Tanztheater, Lakhon Chatri, und auf das Maskentheater, Khon. Die neue Ikonographie übernimmt vom Theater sowohl das reiche Repertoire an Gesten, als auch die Maskensammlungl um die Identität und das Verhalten der verschiedenen Personen zu bestimmen. In einer Ausrichtung, die nun vor allem auf das Ramakien zurückgreift - ein weiterer Einfluß des Theaters -, verlieren Götter und Helden beiderlei Geschlechts ihre überlegene Kälte, die sie bis dahin kennzeichnete, und gewinnen eine unerwartete Biederkeit, die schlecht zu ihrem Verhalten paßt. Affen und Dämonen scheinen im allgemeinen ihre Eigenart besser bewahrt zu haben, da die beim Khon verwendeten Masken keine reizlose Darstellung zuließen. Zum eigentlich Ikonographischen Teil dieser Sammlungen, deren Mißachtung für die Tradition bedauerlich ist, kommt eine Art Repertoire der Ornamente, dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. Wenn auch die menschlichen Figuren, die sich oft mit dem Rankenwerk vermischen (betende Figuren mit halbem Körper, Thepanom), die gleichen Veränderungen wie die Hauptpersonen aufweisen, ist doch der Schaden weniger groß. Trotz der Neigung, gewisse klassizistische europäische Dekors zu übernehmen, findet man doch zahlreiche Zeichnungen in der Art der Schule von Ayuthya und sogar von Sukhothai. Ein letzter Teil kann sich mit der Architektur beschäftigen; meist werden die Beispiele aus den «Mustern neuer Bauten» von 1924 übernommen und eher Kompromißlösungen als wirklich klassische Bauten vorgeschlagen. Diese neueren Handbücher sind aufschlußreich und gewiß nützlich, doch allzuoft einfache Kopiermuster. Selbst wenn sie die gewohnte Technik der Modellvergrößerung anwenden, schränken sie durch die Verwendung von Schablonen die Erfindungskraft und den persönlichen Anteil des Ausführenden allzusehr ein. Abbildungen, die sich von der klassischen Ästhetik zu weit entfernt haben und zu europäisch erscheinen, sind weder imstande, einen Künstler in die nationale Kunst einzuführen, noch können sie eine nützliche Anleitung für mögliche Restaurierungsarbeiten bieten. |
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Zur Illustration der obigen Ausführungen sehen Sie hier diese Wandmalerei. Sie stammt aus dem Phra Rabieng des Wat Phra Keo, dem Tempel des Smaragd-Buddha in Bangkok. Die Ursprungs-Version hat König Rama I etwa im Jahre 1782 in Auftrag gegeben. Die Malerei ist seitdem fünfmal renoviert worden, auch im Moment wird an einigen Stellen nachgebessert. Sie erzählt die Abenteuer vom Prinzen Rama und der Prinzessin Sita wie sie schon seit Jahrhunderten unter dem Namen Ramakien (auch: Ramayana) bekannt ist.
Die Szene hier stellt die Situation vor einer königlichen Kremation dar. Links im Pavillon ist die Urne eines verstorbenen Königs, am unteren Bildrand ein Teil der Trauer-Gemeinde. Oben und rechts sind die Himaphan-Tiere auf Rollen dargestellt, die bei der bald folgenden Prozession zum Verbrennungs-Platz mitgeführt werden.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: Freitag, 13.03.2009
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