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Perlmutterkunst in Thailand

Der Herstellungsprozeß und das Material

 

 

Haben Sie schon gewußt, wie diese tollen Perlmutter-Einlegearbeiten entstehen? Lesen Sie hier ein Kapitel aus dem Buch Perlmutterkunst in Thailand von Klaus Wenk über Material-Auswahl und Herstellungs-Prozess.

Macht man sich die Mühe, auch nur von einem Quadratzentimeter einer Perlmutter­dekoration die Anzahl der dort eingelegten Plättchen nachzuzählen, dabei ihre höchst verschiedenen Formen, auch ihre Farb­differenzierungen zu beachten, so wird schon bei dieser ersten Betrachtung klar, welch ein arbeits­intensives Verfahren für die Herstellung einer Perlmutterdekoration notwendig ist.

Der Arbeitsprozeß und das dabei verwendete Material sollen im Folgenden im Detail beschrieben werden:

1. Als erstes ist das Gerät, der Gegenstand, sagen wir die Grundform, die mit Perlmutter verziert werden soll, anzufertigen. Verhältnismäßig einfach ist dies bei Objekten in Tafelform, bei Türen also, bei Fensterläden und Wänden für Bücherschränke. Vollkommen ausgetrocknetes Holz ist sehr genau auf das gewünschte Maß zurechtzuschneiden, was bei den oft mehrere Meter hohen und mehrere Zentimeter starken Tiekholztüren mit den Gerätschaften früherer Jahrhunderte doch erhebliche handwerkliche Fertigkeiten erforderte.

Für Tafeln kleineren Ausmaßes, wie, z.B., für die hier abgebildeten Stelltafeln, Abbildungen XVI und XVII, verwendete man meistens Rattan oder das Holz des Thong-Lang-Baumes, das ansonsten für andere Zwecke wertlos ist, für Perlmutterarbeiten jedoch den Vorteil bietet, daß es besonders leicht ist.

Manuell schwieriger gestaltet sich die Fertigung der verschiedenen Gerät­schaften wie talum, tiep, lung oder khan nam, auf die noch im einzelnen eingegangen wird. Zur Herstellung der oft komplizierten Grundformen, die vieleckig, rund, geschwungen, abgestuft mit konkaven oder konvexen Flächen gefertigt werden, eignet sich am besten Rattan. Die aus diesem Material geflochtenen Formen bewahren die beabsichtigte Struktur besser als jede Holzart.

2. Nach Fertigstellung der Grundform wird die Dekoration, das Bild, die Szene, die ein Objekt verzieren soll, gezeichnet. Bei einfachen Mustern oder bei Duplikaten wird dies der Handwerker wohl selber ausführen, oder er wird ohne besondere Zeichnung auf seine Erfahrung vertrauen können, doch bedarf es sicher der Hand eines Künstlers, um ganzflächige bildliche Darstellungen oder komplizierte Ornamente zu entwerfen. In der Tat sind uns ein paar Namen von Künstlern überliefert, Architekten, Malern, Bildhauern, zu deren Biographie vermerkt wird, daß sie Entwürfe der Perlmutterdekorationen hergestellt hätten.

Das Sujet der Darstellung, Ornament oder Bild, muß dem Gegenstand, den es verzieren soll, angepaßt sein. Das erfordert eine genaue Kenntnis der Ikono­graphie. Auf einem talum oder tiep, in denen man Früchte anbietet, auf einem Zigaretten­kästchen, hip buri, wird man nicht den Gott Indra auf dem Erawan oder Phra Narai auf dem Khrut abbilden. Solche Figuren sind den Tempel­türen vorbehalten oder den Wänden der Bücherschränke, in denen buddhistische Hand­schriften aufbewahrt werden. Aber im übrigen scheint eine Betrachtung aller Dekorationen zu ergeben, daß Regeln, nach denen bestimmte Muster oder Ornamente ausschließlich für bestimmte Objekte zu verwenden sind, nicht zu bestehen scheinen. Kranok-Ornamente z.B. finden sich am könig­lichen Thron als auch auf den schon erwähnten Gebrauchs­gegen­ständen. Beobachten läßt sich lediglich, daß rein geometrische Dekorationen auf kleineren Objekten häufiger als auf größeren anzutreffen sind. Doch wird dies vermutlich auch auf technisch-handwerklichen Gründen beruhen.

Die gesamte Darstellung für ein Gerät, für eine Tür, wird spiegelbildlich gezeichnet, um später direkt auf die Lackschicht des betreffenden Objekts aufgetragen werden zu können.

3. Nach Vollendung der Zeichnung wird diese auf durchsichtiges Papier, kradat käu, geritzt.

4. Als nächstes sind die Muscheln, das natürliche Rohmaterial, zu präparieren. Die Muscheln werden im Golf von Thailand als auch im Bengalischen Golf gefunden.

Verwendet werden zahlreiche Muschel- und Schneckenarten so vor allem die meistens bläulich-grünlich irisierende hoi muk oder hoi ut, Turbo oder Rund­mund, genannte Schneckenart aus der Familie der Fächerzüngler, von der fünf Arten vorkommen, nämlich: Turbo elegans, Turbo intercostalis, Turbo nicobarius, Turbo petholatus, Turbo ticaonicus.

Diese Schnecken werden vor allem um verschiedene kleinere Inseln in der Provinz Ranong, um die Inseln Samui, Provinz Surat Thani, vor der Halbinsel Sing, Provinz Canthaburi, um die Insel Khram, Provinz Chonburi, und um die Insel Phukhet gefunden. Die Muscheln erreichen eine Länge von höchstens 20 cm.

Eine weitere Familie von Muscheln, die hoi nom sau oder hoi läm, Trochus, findet für die Perlmutterarbeiten Verwendung, und zwar: Trochus maculatus, Trochus niloticus, Trochus niloticus maximus, Trochus radiatus und Trochus verrucosus.

Diese Muschelarten werden vor allem um die Inseln Chang und Samui, vor den Küsten und um das Inselgewirre der Provinz Ranong und Phukhet gefunden.

Zu erwähnen sind des weiteren die hoi wong chang, Nautilus pompilius, die hoi cop, Pinna chemnitzii, genannten Muscheln sowie die Perlmuschel, die allgemein hoi muk, muk can oder lamut genannt wird, Pinctada fimbriata, Pinctada lurida.

Das für die Gewinnung des Perlmutter geeignetste, weil schönste Meerestier ist die hoi ut, wegen ihres Glanzes auch hoi fai, »Feuerstrahl-Schnecke«, genannte. Den Hinweisen in der Literatur nach soll die in thailändischen Gewässern gefundene Art dieser Schnecke die um die Philippinen oder vor der chinesischen Küste lebende an Schönheit übertreffen.

Infolge der naturgegebenen Krümmungen der Muschel- oder Schnecken­schalen bedarf es etlicher Geschicklichkeit des bearbeitenden Handwerkers, flache und gerade Stücke heraus­zuschneiden. Auch ist stets nur ein Teil der Schalen brauchbar, da die Außen­kanten weniger farbintensiv sind.

Die Gerätschaften für die Gewinnung der Perlmutterplättchen sind vor allem kleine Sägen, Feilen und Stichel. Man zersägt die Schalen zunächst in etwa 2,5 cm große Stücke, die noch, mehr oder weniger stark, gekrümmt sind. Danach reibt man die Flächen mit einem »Reibestein«, hin mun, ab. Wenn durch das Reiben die Flächen eben genug geworden sind, verbindet man sie mit flachen, absolut ebenen Holzscheiben von etwa der doppelten Stärke wie die Perlmutterplättchen. Diese Maßnahme hat den Sinn, zu vermeiden, daß das Perlmutter beim Heraussägen der gewünschten Form zerbricht.

5. Die einzelnen Figuren oder Linien aus dem Entwurf der Gesamtdekoration werden auf sehr dünnes Papier geritzt oder gepaust. Hierbei kommt es auf genaueste Arbeit an, um Form und Maßstab des Entwurfs nicht zu verfälschen. Die auf das Papier übertragene Kopie der herauszusägenden Perlmutterform wird auf ein durch Holz verstärktes Perlmutterplättchen geklebt.

6. Nach diesen Vorbereitungen beginnt die zeitaufwendigste Arbeit des gesamten Prozesses, nämlich die Anfertigung der großen und kleinen Perlmutterstückchen, die das Gesamtbild ergeben sollen. Welch ein Aufwand an Zeit und Arbeit für größere Objekte notwendig war (und ist), ergibt sich, u.a., aus der bereits zitierten Inschrift in Phitsanulok. Nicht weniger als 130 Personen waren fünf Monate und zwanzig Tage beschäftigt, zwei Türflügel für das Wat Phra Si Ratana Maha That herzustellen. Rechnet man pro Tag mit einer siebenstündigen Arbeitszeit, so ergibt sich, daß jeder der Beteiligten in 170 Tagen etwa 1190 Arbeitsstunden ableistete, daß also insgesamt 154700 Arbeitsstunden aufgewendet werden mußten. Mehr als 1000 Plättchen und kleinste Teilchen - in länglicher, runder oder eckiger Form, gekurvt und gleichzeitig mehrfach eingesägt, spiralförmig, spitz zulaufend ausgesägt, gefeilt, poliert - waren nötig, um nur eines von achtzehn der in einer Kreisform dargestellten mythologischen Wesen abzubilden.

Ein paar Einzelheiten aus dem Werksalltag eines Perlmutterhandwerkers teilt auch Luong Wisansinlapakam mit. Ein Nai Yu, ein bekannter Perlmutterkünstler und -lehrer, der »schnell« arbeitete, habe je Tag 30 bis 35 Plättchen aussägen können. Wenn es sich jedoch um Kranok-Ornamente gehandelt habe, dann weniger. Er selbst, Luong Wisansinlapakam, habe festgestellt, daß für ein talum von 25,5 cm Durchmesser (der obersten Stufe, d.h. der eigentlichen Schale) 1500 bis 2000 Plättchen erforderlich seien. Das ergäbe für dieses nur kleine Gerät allein schon eine Sägezeit von fast zwei Monaten bei täglicher Arbeit - ohne die übrigen, zeitaufwendigen Verrichtungen zu berücksichtigen.

7. Nach Fertigstellung der Einzelteile müssen diese in möglichst rascher Folge auf das mit einer Gummilösung bestrichene kradat käu geklebt werden, und zwar mit der künftigen Oberfläche. Dies ist nicht nur eine mechanische Arbeit, sondern setzt Erfahrung und ein Gefühl für Nuancen voraus, weil es darauf ankommt, die einzelnen, oft gleichförmigen Teilchen mit ihrem sehr verschiedenen Farbspiel in harmonischer Weise zusammenzusetzen.

8. Das mit Perlmutter zu verzierende Objekt wird mit einer Lackschicht versehen, die in einem Arbeitsgang aufgetragen werden muß, um eine gleichmäßige Trocknung auf der gesamten Fläche zu gewährleisten.

9. Ist die Perlmutter vollständig auf das Papier geklebt und haftet sie fest, wird das zu verzierende Objekt nochmals mit einer Lackschicht bestrichen. Man verwendet hierzu einen qualitativ besonders hochwertigen Lack, der auch die Eigenschaft hat, schnell zu trocknen. Diese Masse wird rak samuk genannt und besteht aus einer Mischung von Holzkohle und dem Saft des »Lackbaumes«. Die Holzkohle wird aus den Rippen von Bananenblättern oder aus bestimmten Grashalmen gewonnen oder aus schwarzem Sott - beide Ingredienzien sind möglich. Vor dem Gebrauch, d.h. vor dem Vermischen, müssen sie gut gesäubert werden. Mit einem runden Stück Holz oder einem Mörser wird die Holzkohle oder der Sott mit der Lackflüssigkeit so lange vermengt, bis ein Brei entsteht, der auf die zu verzierende Fläche aufgetragen und geglättet wird. Der Auftrag erfolgt mehrfach.

10. Ist die Fläche trocken, andererseits aber noch elastisch genug, werden die auf das Papier geklebten Perlmutterteilchen in die Masse gedrückt, wobei der Balanceakt darin besteht, die Lackfläche in der vorgefertigten Ebene zu halten. Wenn die Lackschicht hinreichend trocken ist und die Perlmutter damit fest haftet, entfernt der Bearbeiter das Papier, auf das die Plättchen auf­geklebt waren. Er feuchtet dies mit einer nam chup genannten Flüssig­keit an und entfernt es.

11. Nach vollständigem Austrocknen der Lackschicht wird mit einem hin kak phet, d.h. mit einem Karborundum oder mit einem anderen, ähnlich harten Stein, die Fläche abgerieben, um ihr wieder Glanz zu verleihen. Defekte Stellen im Lack werden ausgebessert und die gesamte Dekoration nochmals mit Holzkohle oder getrockneten Bananenblättern abgerieben, aus denen man die Rippen entfernt und mit Kokosfett versehen hat.

Erweist es sich als notwendig, in Figuren oder Ornamente noch Linien einzugravieren, wie etwa Gesichtszüge, Haare, Kleiderfalten oder Schmuckdetails, so wird dies im Anschluß an diesen letzten Arbeitsgang getan.

Ein langwieriges Verfahren findet damit sein Ende, das für die Meisterwerke der Perlmutterkunst perfektes Können des »Handwerkers« voraussetzt. Heute wird diese Kunst nur noch von wenigen beherrscht.

In der Literatur wird die Meinung vertreten, daß die Perlmutterkunst »in gewisserweise als eine Variante der Schwarz-Gold-Lackarbeiten gelten könne«. Doch abgesehen davon, daß wir nicht wissen, ob die zeichnerischen Vorlagen für die Perlmutterarbeiten Varianten der Zeichnungen für die Schwarz-Gold-Lackarbeiten waren oder umgekehrt, sind Perlmutter- und Goldlackarbeiten nur Manifestationen eines Impulses, der stets - in allen Varianten der bildenden Kunst Thailands - aus ein und demselben Formgefühl gestaltet, objektiviert wird. Plastik, Malerei, beides diente ursprünglich nur der Verkündung der Lehre und des Lebens des Buddha. Kunst entwickelte sich dabei quasi als Nebenprodukt. Im übrigen zeigen einige der besten Stücke der Goldlackkunst, wie z.B. die Darstellungen im Suan Pakkad Pavillon oder die in neuster Zeit von Thawan Datchani auf Bücherschränken gefertigten, daß jene in Form und Aussage sehr weit von den Perlmutterdarstellungen entfernt sind.

In einem kurzen Exkurs mag hier noch die unterschiedliche Technik der chinesischen (und auch vietnamesischen) Perlmutterkunst beschrieben werden.

Sowohl bei Gegenständen, die aus massivem Holz sind, als auch bei kleineren, lacküberzogenen, wird die zu dekorierende Oberfläche ausgekerbt, und zwar für jedes einzelne Plättchen, das vorher in der gewünschten Größe und Form ausgesägt und gefeilt wurde. Die eingelegten Teilchen werden von einem Lackkitt gehalten. Nach einer anderen, als wertvoller eingeschätzten Methode werden die Plättchen auch in die vorbereiteten Auskerbungen eingehämmert und mit Kitt, der aus Lack und vermodertem Holz besteht, fixiert.

Bei Einlegearbeiten in eine lackierte Oberfläche befestigte man die Perlmutterplättchen auf dem groben Lackgrund und überzog das Ganze mit einer dünnen, glänzenden Lackschicht. Erst danach schnitt man, falls notwendig, in die Perlmutterteilchen, das Ornament und polierte die gesamte Oberfläche nochmals.

 

 

 

 

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Quellen, die ich benutzt habe:
  • Perlmutterkunst in Thailand von Klaus Wenk, Verlag Iñigo von Oppersdorf, Zürich 1980
 

 

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: Montag, 27.12.2010 

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