In Siam, dem wundersamen Landes des weißen Elefanten, hat kürzlich ein Thronwechsel stattgefunden. König Chulalongkorn ist gestorben, und sein Sohn Maha Wajirawudh ist ihm gefolgt. Es steht zu erwarten, daß er die Regierung ganz in dem fortschrittlichen, aufgeklärten Geiste seines Vaters weiterführen wird.
So leicht Siam, dieses orientaliosche Märchenland, von Singapore aus zu erreichen ist, denn die Dampfer des Norddeutschen Lloyd vermitteln regelmäßig den Verkehr zwischen Bangkok und Singapore, so selten scheint der den fernen Orient Bereisende die Gelegenheit zu kennen, dieses exotische Paradies, das mit keinem anderen Land der Welt verglichen werden kann, aufzusuchen. Und doch würde diese Reise für jeden Globetrotter tausendfach sich verlohnen, denn nie im Leben wird er die einzigartigen Eindrücke vergessen, die hier ihn erwarten. -
Wir schiffen uns auf der "Delhi", von deren hohem Mast die Lloydflagge stolz im Winde flattet, ein. Nach etwa dreitägiger Fahrt durch den Golf von Siam nahen wir uns dem Ziele.
Inmitten der goldgleißenden Fluten des Menamstromes liegt nahe seiner Mündung, auf einem kleinen, von lieblichem Zauberlicht umflossenen Eiland, der Tempel Phrachadee Paknam.
Bald ragen in der Ferne die vergoldeten Türme und Kuppeln der Pagoden und Tempel der Hauptstadt Bangkok im Purpurglanz der untergehenden Tropensonne empor.
Vom Gestade grüßen farbenglühende Gefilde und uralte Palmenhaine, in denen geheimnisvoll der Geist des große Buddha webt.
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Es ist eine entzückende Fahrt. Langsam gleiten wir den breiten majestätischen Strom hinan, vorbei an schwerfälligen chinesischen Dschunken und schlank gebauten siamesischen Hausbooten, an kleinen zierlichen Fischernachen und an grotesken schwimmenden Häusern, von denen einzigartig faszinierende Musikklänge zu uns herübertönen.
Und dann liegt sie vor uns - Bangkok, die Märchenstadt.
Ein gütiges Geschick hat uns gerade am Vorbend eines großen Festes in das Land des weißen Elefanten geführt. Nach althergebrachter Sitte findet nämlich alljährlich auf den Wasserfluten des Menams eine pompöse Prozession satt. Der König macht mit seinem ganzen Hofstaat eine Wallfahrt nach dem Tempel Phrachadee Paknam und bringt seine fürstlichen Opfergaben, bestehend aus unzähligen Priestergewändern dar.
In frühester Morgenstunde schon fuhren wir also hinab nach Paknam, um die einzigartige Wallfahrt zu sehen.
Lieblich wie eine Vision aus Tausenundeine Nacht liegt der wunderbare Tempel da, von der Glut der aufgehenden Tropensonne in ein farbenglühendes Feuermeer getaucht, das zauberschön sich in den grüngelben Wogen des Menams widerspiegelt.
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In den Kronen der Palmen flüstert leise der Morgenwind und umfächelt uns geheimnisvoll. Darüber brütet die ewige Glut, berauschender, sonnengolddurchflimmerter Tropenduft.
Aus dem Tempel tönt mystisch der ergreifende Chorgesang buddhistischer Priester zu uns herüber, die schon seit Mitternacht singend und betend dem königlichen Besuch entgegenharren. Seltsam melodisch läuten die silbernen Pagodenglöcklein, leise, kaum hörbar, plätschern und murmeln die Wellen des Flusses.
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Da - in der Ferne wird es lebendig, es glitzert und schillert in tausend Farben - in schäumender Glut wallen die glänzenden Wogen. Feierlich, majestätisch naht sich die königliche Prozession. langsam kommen die ersten rotgoldenen Barken durch die leuchtende Flut gezogen.
Sie fahren dicht hintereinander, sind ungefähr 30 Meter lang und etwa 2 Meter breit; etwa fünfzig Ruderer sitzen darin in malerischen, purpurroten Kostümen und phantastischen Kopfbedeckungen. Am Steuer stehen zwei Mann und schlagen den Takt mit langer, quastenbestückter Stange, indem sie diese hochheben und dann auf Deck aufstoßen lassen. Gleichmäßig, in demselben Augenblick, schlagen alle Insassen mit ihren Rudern das Wasser und heben im nächsten Augenblick die Schneiden derselben hoch über ihre Häupter empor. Schon monatelang vorher werden die Ruderer auf diesen Tag eingeübt.
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Smaragdgrüne Lichter tanzen auf den Wellen des Menams...
In diesem Goldglanz taucht die märchenhaft schöne Staatsbarke des Königs auf. Rauschend teilen sich die gleißenden Wasserfluten, und auf den goldschaumgekrönten Wogen gleitet sie majestätisch stolz heran. Sie ist 40 Meter lang, 3 Meter breit und wird von ungefähr siebzig Ruderern bedient.
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In der Mitte erhebt sich ein herrlicher, mit kostbarstem Goldbrokat ausgeschlagener Thron, umgeben von faltenreichen Vorhängen und geschmackvollen Draperien aus gleichem Material. Die hohe, edelsteinüberladene siamesische Krone auf dem Haupte, thront hier der König, bekleidet mit goldenem Mantel und goldenen Schuhen, in all seiner Pracht und Herrlichkeit.
Ein riesengroßer, juwelenbesetzter Fächer wedelt ihm Kühlung zu, und der historische, bizarr geformte Schirm schützt ihn vor dem blendenden Licht und den versengenden Steahlen der glühenden Sonne.
Die ganze Barke ist phantastisch geschnitzt, reich vergoldet und kunstvoll mit Perlmutter eingelegt. Der Vorderteil hat entweder die Form eines ungeheuren Drachenkopfes oder eines wilden Seeungetüms, mit glotzenden Augen, dräuenden Zähnen und grauenerregenden Hörnern. Der Kiel in Form eines kolossalen Schweifes erhebt sich bis zu 15 Fuß übe den Wasserspiegel; ihn schmückt ein langes, goldenes Banner, gigantische Quasten aus dem Haar der Kaschmirziege geben dem Ganzen ein exotisches Aussehen.
In das geheimnsvolle Murmeln der Wellen mischen sich seltsam die wundersüßen, rhytmischen Klänge siamesischer Volksweisen.
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Dem Könige folgen die prunkvollen Barken der Prinzen, Mandarine und Würdenträger, der Offiziere und Matrosen, ja hinab bis zum Boot des armen Bettlers, der halbnackt in einem winzigen Fahrzeug hockt, um im Tempel Phrachadee Paknam dem Buddha zu opfern. Unter dem reichgeschmückten Baldachin seines Bootes sitzt stolz, in seine festlichsten Gewänder gehüllt, der Edelmann, neben sich die goldene Teekanne und den goldenen Wasserkessel, seine Betelnuß und seinen Zigarrenbehälter - alles Geschenke des Königs, die ihm als Abzeichen seines Ranges und seiner Wpürde von diesem verliehen wurden.
Ungezählte kleine Nachen und Kähne wiegen im Sonnengold sich auf den funkelnden, buntbewegten Wogen. Siamesische Krigsschiffe, darunter die herrliche "Maha Chakri", deren weißrote Elefantenflaggen stolz im Winde flattern, entfalten ihre ganze Pracht.
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Die Bewohner der schwimmenden Häuser und Hausboote, an denen der König vorbeifährt, haben kunstvolle Altärchen errichtet, auf denen bronzevergoldete Buddhafiguren, brennende Wachskerzen, die herrlichstenBlumen und auserlesensten Früchte aufgebaut sind, um ihrem angebeteten Herrscher, der gleichzeitig der höchste Priester der siamesischen Buddhisten ist, zu huldigen.
Bei Todesstrafe war es in früheren Zeiten verboten, die königliche Prozession zu beobachten, und nur verstohlen, hinter verschlossenen Türen und Fenstern, konnte das Volk einige Stücke des großartigen Schauspiels erhaschen.
Der verstorbene König Chualongkorn, der Weise und Gütige, wie mit Recht seine Untertanen ihn nennen, hat jene Gesetze aufgehoben, und die Siamesen sind glücklich, ihrem heißgeliebten Landesherrn frei zujubeln zu dürfen.
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Die königliche Staatsbarke hat die Landungsstelle der Phrachadee Paknam erreicht. Inmitten seines Gefolges, das am Gestade sich versammelt hat, begibt der König sich in den Vorhof des Tempels. Unter dem feierlichen Geläute der Pagodenglocken und Gonge, dem Wirbeln der Trommeln und Donnern der Kanonen durchschreitet seine Majestät den Vorhof, wo siamesische Soldaten Spalier bilden, und betritt, währnd die Klänge der siamesischen Nationalhymne ertönen, voll Ehrfurcht den Tempel.
Feierlich legt der König seine Opfergaben auf einem besonders hergerichteten Altare nieder, auf dem fünf goldene Blumenvasen, fünf goldene Schüsseln mit geröstetem Reis, fünf goldene Leuchter mit Wachskerzen und fünf Weihrauchstöcke stehen.
Nachdem er mit eigener Hand die Kerzen und Weihrauchstöcke angezündet hat, kniet er vor dem Altare Buddhas nieder und betet für sein Land.
Duftend steigt dwer Weihrauch empor und webt im Tempel geheimnisvolle Schleier...
Nach althergebrachter Sitte legt an diesem Tage der König sein Gelübde ab, verspricht dem Glauben seiner Vorfahren getreu zu sein bis in den Tod und gewissenhaft die Gebote der buddhistischen Religion zu halten.
Während feierlich und ergreifend der Chor der Bonzen einen Palisegen singt, verläßt der König die geweihte Stätte, besteigt die Staatsbarke und kehrt in gleichem Pomp, wie er gekommen ist, mit seinem Gefolge zurück in die Palaststadt.
Blutrot versinkt der Sonnenball, den bezaubernden Tempel mit lodernden Lichtflammen umhüllend. Purpurgoldene Blitze zucken über die Wasserfläche - in magischer Beleuchtung gleitet die imposante Prozession stromauf.
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Vorüber ist das ergreifende, wunderherrliche Schauspiel, verklungen der Jubel, langsam, wie schlummermüde Schwäne schweben die letzten Kähne auf den phosphoreszierenden Wogen.
Durch die erhabene Stille der sternenklaren Tropennacht summen melancholisch klagend die Gonge der Phrachadee - murmelnd tragen die Wellen die süßen Klänge dahin.
Geheimnisvoll flüstern die Wasser - schluchzen und seufzen sie über das traurige Schicksal Siams lieblichster Königin, die einst beim gleichen Feste ihr junges Leben in den Fluten lassen mußte?
Gespenstisch zittert des Mondes Silberlicht auf den unergründlichen Gewässern des Menams.
| Städtische Ringmauer von Bangkok. (Rechts neben dem großen Tor ist das Mahakan-Fort zu sehen, dahinter der "Golden Mount" vom Wat Saket. Mehr Informationen zu dieser Stelle in unserem Virtuellen Rundgang über die Rattanakosin-Insel von Bangkok.) |
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Letzte Aktualisierung dieser Seite: Montag, 27.12.2010
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