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Als die Stunde des Weltverzichts herangekommen war, ließ Siddhattha von seinem Diener Channa ein Pferd zäumen, wollte jedoch vor dem Hinausziehen seinen neugeborenen Sohn noch sehen. Beim Eintreten in das Gemach der schlafenden Bhaddakaccana erlosch die Öllampe. Da zudem die junge Mutter den Kopf des Kindes schützend mit der Hand bedeckt hielt, war es dem Scheidenden unmöglich, einen Blick auf sein Kind zu werfen. Ohne einen Eindruck von ihm verließ er um Mitternacht auf dem Pferd Kanthaka, von Channa begleitet, die Stadt Kapilavatthu, deren zur Nachtzeit geschlossenes und bewachtes Ost-Tor ihnen durch die zauberische Hilfe der Götter geöffnet wurde.
Drei Raja-Territorien berührend erreichte Siddhattha noch in derselben Nacht den Fluß Anoma, auf dessen anderem Ufer er sich nach Mönchsweise das Haupthaar schor und die Kutte eines Samana anlegte. Pferd und Schmuck vertraute er dem treuen Channa an, der sie nach Kapilavatthu zurückbrachte. Die erste Woche seiner Samanaschaft brachte Siddhattha in einem Mangohain bei dem Dorf Anupiya zu; dann begab er sich auf die Wanderschaft nach Rajagaha. Soweit die Legende. Wahrscheinlich historisch an dieser hier schon heruntergenüchtert wiedergegebenen Erzählung sind die Angaben, Siddhatthas Weltentsagung sei der Geburt seines Sohnes Rahula unmittelbar gefolgt, und die ersten Tage seines Lebens unter freiem Himmel habe er bei Anupiya verbracht. Bei dem Anoma-Fluß dürfte es sich um die heutige Aumi handeln, einen Zufluß der Gandak in der damaligen Republik der Mallas, das Malla-Dorf Anupiya läßt sich nicht lokalisieren. Daß Siddhattha auf dem Weg dorthin drei Raja-Territorien berührte, trifft zu, denn um von der Sakiya-Republik in die südöstlich davon gelegene Republik der Mallas zu gelangen, hatte er das Stammesgebiet der Koliyas zu durchqueren.
Anders als die Legende, die Siddhatthas Auszug ins Wandermendikantentum in aller Heimlichkeit bei Nacht geschehen läßt und die Scherung des Haares sowie das Anlegen der Mönchsgewänder an die Anoma verlegt, klingt die Schilderung aus Siddhatthas eigenem Mund. Sie macht deutlich, daß zumindest sein Vater Suddhodana und seine Pflegemutter Pajapati seine Weltentsagungsabsicht kannten, aber außerstande waren, ihn zurückzuhalten.
Als ich noch Bodhisattva (ein zur Buddhaschaft bestimmtes Wesen) war, kam mir der Gedanke: »Eng ist das Leben in der Häuslichkeit, dieser Stätte der Unreinheit, die Samanaschaft ist der freie Himmelsraum. Nicht leicht ist es für einen Haushaber, den vollendeten, völlig reinen, vollkommenen Wandel der Heiligkeit zu führen. Wie, wenn ich mir nun Haar und Bart scheren, die gelben (Samana-) Gewänder anlegen und aus dem häuslichen Leben in die Hauslosigkeit ziehen würde?«
Und ich, der ich jung war, ein Knabe mit schwarzem Haar, der ich in glücklicher Jugend lebte, im ersten Mannesalter, schor mir, obwohl Vater und (Pflege-) Mutter damit nicht einverstanden waren, sondern Tränen im Gesicht hatten und weinten, Haar und Bart, legte die gelben Gewänder an und zog aus dem Haus in die Hauslosigkeit hinaus. (M 26 I p. 163 = M 36 I p.240)
Bringt man diesen nüchternen Bericht in Verbindung mit der Aussage der Nidanakatha, daß Siddhatthas Hinausziehen (pabbaja) in die Samanaschaft unmittelbar nach Rahulas Geburt erfolgte, so liegt die Vermutung nahe, daß er seine Eltern schon längere Zeit mit der Bitte um Zustimmung bestürmt hatte, daß die Eltern aber ihr Einverständnis von der Geburt eines Enkelsohnes abhängig gemacht hatten. Möglicherweise erklärt sich die späte Vaterschaft Siddhatthas — nämlich als er und Bhaddakaccana neunundzwanzig Jahre alt und bereits dreizehn Jahre verheiratet waren — daraus, daß Bhaddakaccana, um ihren Gatten nicht zu verlieren, sich lange geweigert hatte, Kinder zu haben. Als in Rahula dann der von Suddhodana und Pajapati geforderte Sohn geboren war, verlor Siddhattha jedenfalls keine Zeit, seine Absicht zum Weltverzicht in die Tat umzusetzen. Der verwöhnte junge Mann, dem als Sohn des Sakiya-Raja eine politische Karriere offengestanden hätte, nahm im Jahr 534 v. Chr. als Neunundzwanzigjähriger das harte Leben eines Wandermendikanten auf.
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